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Geschichte Schloss Castels

Auf einem Felsvorsprung am talseitigen Orts­rand von Putz im Prättigau thront die ausgedehnte Ruine des ehemaligen Schlosses Castels, das von einer langen, bewegten Geschichte zeugt und noch heute ein prominentes Wahrzeichen mit Ausstrahlung weit über den Luzeinerberg hinaus ist. Seit Generationen wurde der Schlosshof Castels als Ort der Begegnung genutzt. Bis 1968 war er der Pausenplatz der Putzer Dorfschule.

Der Name Castels leitet sich von «castellum» her und könnte darauf hindeuten, dass sich an dieser Stelle im Frühmittelalter eine Flucht­burg oder ein Kastell befunden hat, das der Bevölkerung des mittleren Prättigaus als Refugium in unsicheren Zeiten diente. Allerdings wird die Gründung der heutigen Anlage aufgrund der Mauertechnik am Bergfried gemeinhin im frühen 12. Jahrhundert angenommen.

Erstaunlicherweise setzt die schriftliche Über­lieferung beträchtlich später ein, nämlich erst als 1338 die Erben Ulrichs von Aspermont die zu dessen Prättigauer Herr­schaftsbereich gehörende Feste samt Gütern und Leuten an die Grafen von Toggenburg und von Matsch veräusserten. Nach dem Tod Friedrichs von Toggenburg, 1436, wurde die Herrschaft, die in der Folge die Gerichte Schiers und Castels umfasste, alleiniger Besitz des aus dem Vinschgau stammenden Adelsgeschlechtes. In Matscher Händen sollte sie bis 1496 bleiben, als der hoch verschuldete Gaudenz von Matsch die beiden Gerichte samt Feste an Kaiser Maximilian von Österreich verkaufte. Unter österreichischen Einfluss waren bereits 1477 die Gerichte Davos, Klosters, Belfort, Churwalden, St. Peter und Langwies gelangt.

Im 16. Jahrhundert bildete die Feste das Herrschafts- und Verwaltungszentrum der österreichischen Rechte im Prättigau. Damit war ein Ausbau der Anlage verbunden, wie aus einem 1616 angelegten Inventar hervorgeht. Dieses spricht von einem innerhalb der Ringmauer gelegenen, mehrgeschossigen Gebäude mit etlichen Stuben und Kammern und einer Hauskapelle. Die österreichischen Vögte stammten mehrheitlich aus tirolischen oder bündnerischen Aristokratenfamilien und residierten bis zum Loskauf der Acht Gerichte 1649 auf Schloss Castels. Während den Bündnerwirren wurde die Feste 1622 von bündnerischen Truppen belagert und eingenommen, jedoch im Herbst desselben Jahres von Graf von Sulz wieder zurückerobert. Nach dem Loskauf wurde die Feste von Talleuten geschleift. Seit damals war sie dem Verfall preisgegeben.

Bauliche Entwicklung

Die Entstehung der Anlage lässt sich nicht genau datieren. Vom Baucharakter her handelt es sich unverwechselbar um eine hochmittelalterliche Höhenburg.

Der Bau des Turms (Bergfried), als erste Bauetappe, könnte im frühen 12. Jahrhundert stattgefunden haben. 

Die Mauer des Turms ist sehr sorgfältig und handwerklich hoch stehend ausgeführt. Beachte die Eckverbindungen mit Kantenschlag und Bossen. Dabei ist die Dimension der einzelnen Steine auffällig. Bei näherem Hinsehen sind Verputzreste zu beobachten. Der Putz wurde wohl später aufgezogen und mit Sgrafittoelementen verziert.

Die Wandstärke des Bergfrieds ist gegen oben nicht verjüngt, was in unserer Gegend aussergewöhnlich ist. Der Turm wies ursprünglich drei Stockwerke auf. Der Hocheingang lag im zweiten Stock und ist noch zu erahnen.

Unschwer lassen sich an der Ringmauer (Bering) mindestens zwei weitere Ausbauetappen erkennen. Beispielsweise wurden die schlüssellochförmigen Schiessscharten für die Feuerwaffen auf dem Bering wohl erst im 16. Oder 17. Jahrhundert angebracht.

Der Kunsthistoriker Alwin Jaeggli aus Winterthur hat 1980 in privatem Rahmen einen Rekonstruktionsversuch unternommen. Aufgrund neuester Erkenntnisse kann jedoch gesagt werden, dass diese Skizze erheblich von der damaligen Wirklichkeit abweicht. Vergleichen sie seine Skizze mit ihren eigenen Beobachtungen.

Skizze

Seit 1649 wurde das einstmals stolze Schloss unter anderem wohl als günstiger Steinbruch genutzt!

Herrschaftsverhältnisse

Aus den historischen Zusammenhängen lässt sich erahnen, dass auf Castels die Herren Montfort und/oder Werdenberg zu den Gründern gezählt werden könnten.

1338 tauchte beim Tod von Donat von Vaz die Herrschaft Castels erstmals als grundherrschaftliches Lehen in einer Urkunde auf.

Für kurze Zeit ist Ulrich von Aspermont als Besitzer ausgewiesen und tritt seine Rechte 1344 dem Grafen von Toggenburg ab.

Die Herrschaft umfasste die Gebiete der heutigen Gemeinden Luzein, Jenaz, Fiederis, Furna und die rechte Seite der Talschaft St. Antönien.

Schon 1348 ging der Besitz durch Erbgang an den Tiroler Ulrich von Matsch über. Die Herren von Matsch drückten Castels ihren Stempel auf. Die Matscher residierten ununterbrochen bis 1504 in Putz. Noch heute sind ihre Spuren in den Wappenemblemen der Kreise Luzein und Jenaz anzutreffen – den Matscherflügeln. Diese Flügel sind auch in einem der beiden eingetieften Schlusssteinen im Netzgewölbe der Kirche Luzein zu entdecken.

Nach dem Verkauf an den Herzog Maximilian von Österreich, der sich weitreichende Herrschaftsgebiete in Nordbünden erwarb, war es um die eigentliche Herrschaft von Castels geschehen.

Das Schloss wurde Verwaltungssitz. Es war fortan eine gemeinsame Landvogtei des Hofes Innsbruck.

Die Landbevölkerung hatte ein gewisses Mitspracherecht bei der Wahl der Landvögte. Diese waren vielfach Landsleute.

  • 1499 – 1503: Hans Schuler von Davos, ehem. österr. Söldnerhauptmann
  • 1505 – 1523: Ulrich von Schlandersberg, Ritter aus dem Vinschgau
  • 1523 – 1541: Hans von Marmels, ein Gegner der Reformation
  • 1542 – 1556: Peter Finer, Lehnherr von Bad Fiederis
  • 1557 – 1573: Dietegen von Salis, Begründer der Salis-Seewis – Linie
  • 1573 – 1596: Hans Georg von Marmels, beerdigt in der Kirche Luzein
  • 1596 – 1607: Georg Beeli von Belfort, Bürger von Fiederis, hingerichtet
  • 1607 – 1614: Georg von Altmannshausen, Tiroler
  • 1614 – 1616: Kein Vogt belegt
  • 1616 – 1649: Johan Viktor Travers von Ortenstein, letzter Castelser

Dokumente Archäologischer Dienst Graubünden

Anmerkungen

  • Die Schiessscharten an den zwei dem Schloss gegenüberliegenden Häusern Schawalder und Restaurant Castels könnten auf Gegenwerke zur Verteidigung hinweisen.
  • Der Geheimgang ins Vogthaus im Unterputz existiert definitiv nicht. Richtig ist, dass das Haus Meisser/Thöny eine typische österreichische Dachstock-Konstruktion aufweist und in Tiroler-Barock bemalt ist.
  • Die Schloss-Ökonomie wird wohl im Unterputz gelegen haben. Das Unterputz könnte ein befestigter Umschlag- und Stapelplatz für Güter gewesen sein. Beobachtungen lassen diesen Schluss zu. Archäologische Untersuchungen würden die Sachlage erhellen.
  • Der Schlossgaden unmittelbar vor dem Aufstieg zum Tor wird – entgegen landläufiger Ansicht – nicht der Landwirtschaftsbetrieb des Schlosses gewesen sein. Die herrschaftliche Landwirtschaft wird ebenfalls im Unterputz gelegen haben. Man beachte die Bodengestalt.
  • À propos Putz: Putz = Pozza / Pozzo = Pfütze / Brunnen. Tatsächlich tritt im Bereich Bild und Tschigaualoch zwischen Ober- und Unterputz eine sehr ergiebige und zuverlässige Quelle zutage – am zur Trockenheit neigenden Luzeinerberg eher eine Aussergewöhnlichkeit.